Akupunktur in der Traumatherapie bei Kindern

Akupunktur in der Traumatherapie bei Kindern

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Entstehung eines „pathogenen Restfaktors“ auf der emotional/psychischen Ebene nach Traumatisierung

Ein Beitrag von Birgit Baur-Müller

Was ist Traumatisierung aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin?

Akupunktur kann bei Traumabehandlung die richtige Therapie sein.

Ganz allgemein bedeutet Traumatisierung, dass man mit einer Situation konfrontiert ist, für die man keine ausreichenden Ressourcen hat, um sie zu lösen. In der Traumatherapie gibt es drei Verhaltensweisen, wie man sich einer solchen Situation stellen kann: 1. Weglaufen, Flüchten, 2. Aufgeben, sich passiv ergeben 3. Angreifen, versuchen, sich auseinanderzusetzen. Der Grad einer Belastung ist individuell sehr verschieden, sodass es nicht einfach ist, zu beurteilen, welche Situation bei welchem Menschen zu Traumatisierung führt. Hier sind vor allem Kinder betroffen, denen was vor allem den emotional/psychischen Bereich betrifft, die intellektuellen Ressourcen oft völlig fehlen, um eine traumatisierende Situation zu verarbeiten. So führt es oft nicht zu einem Ergebnis, wenn man die Eltern fragt, ob es eine auslösende Situation gab, bevor die „komischen“ Verhaltensweisen aufgetreten sind, wegen derer das Kind jetzt in unsere Behandlung gebracht wird. Um eine Idee zu bekommen, was ein innerer emotionaler pathogener Restfaktor bewirken kann, kann man sich orientieren daran, welche Reaktion des Qi auf diese energetische Belastung folgt und in welchem ZangFu-Bereich sich der pathogene Restfaktor niederlassen könnte. Scott und Barlow beschreiben, dass es ein Hinweis auf einen pathogenen Restfaktor sein kann, wenn das Kind schlechtes Benehmen und emotionale Störungen zeigt, vor allem dann, wenn das vorher nicht da war (Scott, Barlow 2003, S.59). Voraussetzung, dass sich ein pathogener Restfaktor festsetzen kann ist immer ein Qi-Ungleichgewicht, es ist zu wenig Qi für die augenblickliche Aufgabe vorhanden. So könnte man sagen, jegliche Art der Überforderung ist zunächst eine Traumatisierung des Organismus, welche ins Ungleichgewicht führt.

Eine Therapiestrategie wird also immer sein, das Qi zu harmonisieren und zu stärken. Das wissen wir immer. Den pathogenen Restfaktor zu lokalisieren und mit ihm in Kontakt zu kommen ist wesentlich schwerer, weil es hier oft Hindernisse zu überwältigen gilt, sowohl auf Seiten des Patienten, als auch auf Seiten seiner Umgebung, in diesem Fall der Eltern. Scott und Barlow beschreiben, dass ein Kind schnell vergisst, aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung von Zeit, dass es einen Zustand vor der Krankheit, vor dem Problem gab, es kann sich nicht erinnern „richtig glücklich und gesund zu sein und im Einklang mit der Welt zu stehen“(Scott, Barlow 2003, S.54).

Auch gibt es äußere Faktoren, die es gerade bei Kindern erschweren, dass das erschöpfte Qi sich wieder aufbaut. Neben der schwachen Konstitution spielt es eine Rolle, ob das Kind genügend Erholungszeit zuhause hatte oder ob es zu früh wieder in die Schule/den Kindergarten geschickt wurde. Wesentlich ist die Umgebung, in der das Kind lebt, wie ist der Zustand des Qi der Eltern und erwachsenen Personen, mit denen das Kind in Kontakt steht (Scott, Barlow 2003). Levine beschreibt folgende Verhaltensweisen, die nach einer Traumatisierung auftreten können, ich ergänze in Klammern welches Zang aus chinesischer Sicht betroffen sein könnte: zwanghafte sich wiederholende Verhaltensweisen (Niere), hartnäckige Kontrolle von Vorgängen (Metall), Rückfall in Verhaltensmuster aus früheren Lebensphasen (z.B. Daumenlutschen, Sprachveränderungen…) (Niere), unkontrollierbare Wutanfälle (Leber), Hyperaktivität (Herz), Schreckhaftigkeit (Niere), nächtliches Aufschrecken mit Alpräumen, Bettnässen, Um sich schlagen (Niere, Leber), Konzentrationsprobleme in der Schule, Vergesslichkeit (Milz, Herz), starke Anhänglichkeit (Milz), Schmerzen z.B. Kopf (Leber), Magen(Milz) (Levine 1998, S.250ff.).

Der Selbstheilungsfaktor für eine traumatische Reaktion ist bei Kindern sehr hoch. Als Therapeuten sind wir gefragt, eine Situation zu schaffen, in der das geschehen kann. Wichtig hierbei ist, dass wir die Situation nicht bewerten, oder zu versuchen sie zu beschleunigen oder verändern. Ein Zeichen, dass sich ein „Knoten“ löst kann sein, dass das Kind anfängt zu zittern, zu weinen oder auch wütend reagiert. Hier ist es notwendig, dass wir weiterhin den sicheren Rahmen auch für die Begleitperson, in der Regel die Mutter halten, damit die Energie nach außen abfließen kann in dem Tempo, das sie benötigt, da die Mutter dazu neigen wird, das Kind zu trösten oder zu beruhigen, denn auch für sie ist diese Entladung, vor allem wenn es sich um Schmerz handelt, schmerzhaft und anstrengend.

Wir sollten also beide in einem geschützten Raum/Rahmen „halten“, solange, bis sich das Kind von selbst beruhigt, und dann wird es so sein, als hätte man einen Schalter umgelegt. Ein vorher störrisches Kind, das sich der Behandlung entziehen wollte ist jetzt kooperativ und neugierig und es gelingt, einen Kontakt zum „Herzkaiser“ herzustellen, was auch für den Behandler ein wunderbares Gefühl ist, wie die frische Luft nach einem starken Gewitter. Die Begleitperson ist oft völlig verblüfft. Es erfordert vom Therapeuten ein hohes Maß an Empathie und Neutralität herauszufinden, wann man eine Maßnahme macht, beispielsweise das Reizen von bestimmten Akupunkturpunkten und mit welcher Methode und wenn es für das Kind erfolgreich sein soll, dann muss das Ego des Therapeuten immer im Hintergrund sein. Oft wird man eine Behandlung, die erfolgreich angefangen hat abbrechen müssen, weil es nicht der richtige Zeitpunkt ist, oder weil es für das Kind/die Eltern oder beteiligten Personen nicht tragbar ist im Augenblick. Es ist sehr wichtig, das zu respektieren und nicht seinen persönlichen Erfolg in der Behandlung solcher Traumatisierungen zu suchen. Auch kann es sein, dass man geduldig sein muss, dass sich Störungen wieder aufbauen, sobald das Kind wieder in der gewohnten Umgebung ist, da die Ursache für die Traumatisierung weiter besteht.

Fallbeispiel Traumatherapie

Zur Erläuterung meiner Vorgehensweise möchte ich gerne einen Beispielfall zum Thema Traumatherapie schildern.

Der 3 ½ jährige Junge wird von seiner Mutter in die Praxis gebracht, weil er zu Zeit schlecht hört, immer Schleim aus der Nase läuft und seit Winter (jetzt ist es Mai) rezidivierender Husten besteht. Er schläft ganz gut, allerdings ist die Nacht 1x/Woche durch Alpträume unterbrochen. Appetit und Verdauung sind gut, auch die Konzentration ist gut, die Schwangerschaft war unauffällig, die Geburt schnell und unproblematisch, er war immer gesund. Die Stimmung ist meist fröhlich, allerdings kam es vor einem Jahr zu Wutanfällen, die ½ Jahr anhielten, wo er sich gar nicht mehr beruhigen lies. Die Zunge ist etwas blass mit wenig Belag.

Meine Diagnose ist zunächst Milz-Qi-Schwäche mit Schleimbildung. Ich hatte mit dem Buben bereits Kontakt, als er seinen 5 Jahre älteren Bruder vor 3 Jahren mit der Mutter zur Behandlung begleitet hat und spürte bereits damals ein starkes „Wutpotential“ in dem Kind. Die Behandlung erfolgt mit der Heilsteinakupunktur, folgende Punkte kommen zum Einsatz: Di4, Lu7, Ren12, Bl20, Dü19.

Beim 2. Kontakt 9 Tage später berichtet die Mutter, das Naselaufen ist besser geworden. Allerdings erzählt sie jetzt, dass er seit 4 Wochen wieder angefangen hat, untertags einzukoten – sowohl im Kindergarten, als auch zuhause. Auch ist es sehr schwer, ihn zu etwas zu bewegen, wozu er im Augenblick keine Lust hat. Wenn er mit einer Sache beschäftigt ist und man seine Aufmerksamkeit fordert, dann blockiert er total. Ich behandle folgende Punkte: Di4, Lu7, pe6, 3E5, Ren17, Ren12, Ren6, Bl23, Bl26.

Nach einer Woche berichtet die Mutter, dass er nach der Behandlung ziemlich wütend war, die Nase läuft kaum noch, allerdings ist das in die Hose machen noch nicht besser geworden. Auch fällt mir auf, dass er während der Behandlung immer wieder in die „Babysprache“ zurückfällt und sich dann aber wieder altersgemäß ausdrückt. Ich frage nach, ob es auch andere Verhaltensweisen gibt, neben dem einkoten und der Sprache, wo er auffällig zurückfällt, was die Mutter bejaht, ihr sei das auch schon aufgefallen. Heute klebe ich eine kleine Dauernadel auf Le3, und Steine auf Lu7, Di4, Pe6, 3E5, Ren4.

Wieder eine Woche später berichtet sie, das „Naselaufen“ und Husten sei wieder losgegangen, das In-die-Hose-machen ist immer noch nicht besser, auch bei der Wut und dem „Mitmachen“ ist keine Besserung feststellbar. Ich spüre von seiner Seite heute eine starke Ablehnung. Er widersetzt sich der Behandlung. Ich bespreche mit der Mutter, ob wir trotzdem einen Versuch machen, was wir beide bejahen. Ich klebe Dauernadeln auf Le3, Gb34 und Di4 (beidseits) sowie Yin Tang, danach kommt es zu einem starken Gefühlsausbruch, zuerst spüre ich Trauer, er weint, dann kommt die Wut heraus, er schreit und schlägt um sich. Ich bleibe ganz still, beobachtend und begleitend, ermutige die Mutter auch, ihn „nur mit ihrer liebevollen Anwesenheit“ zu trösten und ansonsten den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Nach ca. 2 Minuten beruhigt er sich völlig, als hätte man einen Schalter umgelegt, kommt auf meinen Schoß, sucht sich die Steine für die weiteren Punkte aus, lässt sich bereitwillig die Steine auf Brust, Bauch und Rücken kleben (pe6, 3E5, Ren17, Ren12, Ren4, Bl23) 2 Punkte auf dem Blasenmeridian such er sogar selbst aus.

Nach 17 Tagen berichtet die Mutter, es ging die meiste Zeit gut, der Schlaf war ruhiger, nicht so viele Träume, auch das Hosemachen ist viel besser, nur 1x in der Zeit. Therapie: Dauernadeln Di4, Le3, Steine:Lu7, pe6, 3E5, Bl23, Bl15, Ren17, Ren12. Weiterhin sucht er sich heute auch Blütenessenzen aus (Fliegenpilz, Selfheal, rote Schneeballfrüchte), was ich ihm als Spray mitgebe.

Nach 2 Wochen berichtet die Mutter, der Schleim in der Nase ist weg, auch sonst ist es insgesamt viel besser, kein Einkoten mehr, er schläft mehr und ruhiger, manchmal sogar am Nachmittag. Wir machen keine Behandlung, allerdings „wünscht“ er einen Tee und da die „Leber-Konstitution“ immer noch spürbar ist, verschreibe ich folgende Kräuter: Ackerminze, Anis, Rose, Ziest, Weißdorn, Melisse, Odermennig, mit dem Ziel, den Herzgeist zu beruhigen und zu schützen vor einer hyperaktiven und störenden „HUN“-Seele.

Der Mutter war ein auslösendes Trauma nicht bewusst. Allerdings erzählte sie mir (fast im Vorbeigehen), dass ihr Mann vor einer Weile wegen Herzrhythmusproblemen daheim vom Notarzt abgeholt wurde und ein paar Tage stationär behandelt werden musste. Auffällig war, dass der kleine Junge bei der Trauer-Wut-Reaktion auf die Behandlung nach seinem Vater gefragt hat. Hier könnte das Trauma gewesen sein, Überforderung durch die Situation, Angst um den Vater, ihn vielleicht das erste Mal völlig schwach zu erleben. Das war meine Vermutung. Der Behandlungserfolg zeigt, dass es nicht notwendig ist, zum gegebenen Zeitpunkt, dem Kind die Ursache der Traumatisierung bewusst zu machen, denn es verfügt ja immer noch nicht über die intellektuellen Voraussetzungen zur Bewältigung, sondern dass es mit Hilfe der Akupunktur gelingen kann, die „Kurzschlüsse“, die im Körper durch die Traumatisierung entstanden sind, aufzulösen. Auch sieht man an diesem Fall, dass es manchmal eine Weile dauern kann, ehe man einen tieferen Einblick bekommt in die Situation und dass, aber das wissen wir als BehanderInnen, die wichtigsten Informationen oft „zwischen Tür und Angel“ kurz vor Ende des Patientenkontaktes übermittelt werden.

Literatur zum Thema Traumatherapie bei Kindern:

Levine P., Trauma-Heilung, Synthesis Verlag Essen, 1998

Hier geht es zum Buch von Levine >>Trauma-Heilung

Scott J., Barlow T, Akupunktur in der Behandlung von Kindern, Verlag für ganzheitliche Medizin, Dr. Erich Wühr GmbH Kötzting/Bayer. Wald 2003

Hier geht es zum Buch >> Scott_Akupunktur von Kindern

 

Hinweis: Seminar für TCM-Therapeuten: Einführung in die Traumatherapie mit chinesischen Kräutern mit Mike Huber 2.-3.12.2017. Weitere Infos und Anmeldung unter: info@abz-muenchen.org

Birgit Baur-Müller

Birgit Baur-Müller, Jahrgang 1968, 2 Töchter 17 und 28 Jahre, Studium der Humanmedizin 1988 bis 1995 an der LMU München. Von 1996 bis 2003 ÄIP und Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit 1996 Studium der Akupunktur und Chinesischen Medizin, zunächst bei der DÄGfA, A-Diplom für Akupunktur, anschließend bei F. Ramakers, J. Ross, G. Maciocia, B. Kirschbaum, H. Frühauf, G. Neeb, u.a. Seit 1998 niedergelassen in privater Praxis mit Schwerpunkt, neben der Akupunktur, Westliche Kräuter in der Chinesischen Medizin.