Westliche Rezepturen, die den Geist (Shen) beruhigen

Westliche Rezepturen, die den Geist (Shen) beruhigen

- in TCM / Akupunktur
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Im folgenden Artikel sollen drei klassische chinesische Rezepturen, welche den Geist beruhigen, und deren Entsprechungen aus westlichen Kräutern vorgestellt werden. Von Florian Ploberger

Geist bedeutet „Shen“

Dieses wird dem Herz zugeordnet. Folgende Körpermerkmale gelten als Kennzeichen eines gut entwickelten Shen: symmetrische Gesichtsproportionen; große, klare Augen; ein gesunder Teint der Haut sowie kräftige Haare. Menschen mit einem gut entwickelten Shen sind geistig ruhig und entspannt, besitzen ein gutes Aufnahmevermögen und sind voller Liebe und Mitgefühl.

angst

Angst kann auf eine Störung des Shen bedeuten.

Störungen des Shen können folgende Ursachen haben:

  1. kann ein Mangel wie beispielsweise ein Herz-Blut- oder Yin-Mangel zu einer Störung des Shen führen. Als Symptome können Palpitationen (Herzklopfen), Angstzustände, Vergesslichkeit, Orientierungsstörung sowie Schlafprobleme auftreten. In diesem Fall sollten Blut und Yin genährt werden.
  2. kann eine Fülle wie beispielsweise ein Herz-Feuer zu einer Störung des Shen führen. Als Symptome stehen manisches Verhalten, Reizbarkeit sowie Unruhezustände im Vordergrund. In diesem Fall sollte der Geist beruhigt werden.

Im Allgemeinen ist es jedoch so, dass Störungen des Shen immer aus einer Kombination einer Fülle mit einer Leere auftreten, so dass bei der Zusammenstellung einer Therapie beide Faktoren berücksichtigt werden sollten. Wichtig ist es, Faktoren, die zu einer Störung des Shen führen können, zu beseitigen. Dazu zählen: Reizüberflutung, emotionale Überlastungen, Schlafmangel, Konsum von Alkohol und Drogen.

Rezepturen, die den Geist (Shen) beruhigen, enthalten oft Mineralien, die zu einer Schwächung des Verdauungstraktes führen können, da sie schwer verdaulich sind.

Aus diesem Grund sollten mineralische Bestandteile, bevor sie dekoktiert werden, in kleine Teile geteilt und längere Zeit (zwischen 30 und 60 Minuten) vorgekocht werden.

An shen san (Den Geist beruhigende Rezeptur)

  • Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) 2 g Kaiserkraut
  • Semen Biotae (Baiziren) 2 g Ministerkraut
  • Rdx. Polygalae (Yuanzhi) 2 g Ministerkraut
  • Rdx. Glycyrrhizae Uralensis (Gancao) 2 g Botschaftskraut
  • Poria Cocos (Fuling) 7 g Ministerkraut
  • Rhz. Atractylodis macrocephalae (Baizhu) 5 g Polizeikraut
  • Pericarpium Citri reticulatae (Chenpi) 5 g Polizeikraut
  • Rhz. Dioscorea (Shanyao) 7 g Polizeikraut
  • Rdx. Ophiopogonis (Maimendong) 3 g Polizeikraut
  • Rhz. Acori (Shichangpu) 2 g Ministerkraut
  • Rdx. Scrophulariae (Xuanshen) 3 g Polizeikraut
  • Fr. Schisandrae (Wuweizi) 2 g Polizeikraut

Wirkung:

  • Beruhigt das Herz
  • Beruhigt Shen
  • Klärt Hitze
  • Nährt das Yin

Indikation:

  • Intensive Träume
  • Schlafstörungen
  • Herzklopfen
  • Reizbarkeit
  • Unruhezustände
  • Schreckhaftigkeit

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:

  • Insomnia (Schlaflosigkeit)
  • Palpitationen (Herzklopfen)
  • Panikattacken
  • Neurosen
  • Psychosen
  • Neurasthenie (nervöse Erschöpfung)
  • Mitralklappeninsuffizienz (Schwäche der Herzklappen)

Zunge: Zungenkörper rissig, Spitze ist rot.

Puls: schnell (shuo), dünn (xi), im Herzbereich oberflächlich (fu).

Beschreibung der klassischen TCM-Rezeptur:

Wie bereits dem Titel zu entnehmen ist, wirkt „An shen san“ den Geist beruhigend. Die Rezeptur wirkt nährend, wo ein Mangel besteht (das Yin wird tonisiert) und beruhigend, wo ein Überschuss besteht. Aus diesem Grund befinden sich Herz-Feuer beruhigende, die Herzöffnung klärende und Hitze ausleitende Kräuter in der Rezeptur. „An shen san“ erfreut sich in China großer Beliebtheit, weil die Rezeptur relativ ausgewogene ist. Sie kann erfolgreich gegen Schlafstörungen, Unruhezustände, Angstzustände, Schreckhaftigkeit sowie Palpitationen (Herzklopfen) eingesetzt werden.

Zur Analyse der einzelnen Kräuter der Rezeptur:

Das Kaiserkraut Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) ist vom Geschmack her sauer und süß, thermisch neutral und kann eingesetzt werden, um das Herz-Yin sowie das Leber-Blut zu nähren und den Geist zu beruhigen. Aufgrund seiner adstringierenden Eigenschaft kann Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) gegen übermäßiges Schwitzen, das entweder spontan tagsüber oder während der Nacht auftritt, eingesetzt werden. Das Ministerkraut Semen Biotae (Baiziren) besitzt einen süßen Geschmack und ist thermisch neutral. Es nährt aufgrund seines süßen Geschmacks das Herz-Blut und beruhigt den Geist. Zusätzlich kann es verwendet werden, um den Darm zu befeuchten und Nachtschweiß bei Vorliegen eines Yin-Mangels zu beheben. Rdx. Polygalae (Yuanzhi), ein weiteres Ministerkraut, ist bitter und scharf, thermisch leicht wärmend. Auch dieses Kraut beruhigt den Geist (Shen). Zusätzlich kann es eingesetzt werden, um der Diagnose „Schleim verlegt die Herzöffnungen“ entgegen zu wirken. Die Kombination des bitteren und scharfen Geschmackes mit der thermisch warmen Wirkung macht Rdx. Polygalae (Yuanzhi) besonders geeignet, um Feuchtigkeit und Schleim aus dem Körper auszuleiten. Rdx. Glyzyrrhizae (Gancao) wird hier unter anderem aufgrund seiner Shen beruhigenden, entspannenden Wirkung als Botschaftskraut eingesetzt. Auch das Ministerkraut Poria Cocos (Fuling) besitzt eine Shen beruhigende Wirkung. Die Kombination der Polizeikräuter Rhz. Atractylodis macrocephalae (Baizhu), Pericarpium Citri reticulatae (Chenpi) und Rhz. Dioscoreae (Shanyao) stärken das Milz-Qi und wirken damit einem Mangelzustand entgegen. Rdx. Ophiopogonis (Maimendong), ein weiteres Polizeikraut, ist ein Yin nährendes Kraut, das einen speziellen Bezug zu den Schleimhäuten aufweist. Es hat eine breite Wirkkomponente und kann sowohl bei Herz-, Magen- oder Lungen-Yin-Mangel eingesetzt werden. Das Ministerkraut Rhz. Acori (Shichangpu) ist scharf, aromatisch und thermisch leicht warm. Dieses Kraut wirkt – wie auch Rdx. Polygalae (Yuanzhi) – der Diagnose „Schleim verlegt die Herzöffnungen“ entgegen. Zusätzlich wirkt es Geist beruhigend, harmonisierend im Bereich des Mittleren Erwärmers und Schleim umwandelnd. Diese Schleim umwandelnde Wirkung wird durch ein Polizeikraut, nämlich Rdx. Scrophulariae (Xuanshen), unterstützt. Bei einem weiteren Polizeikraut, Fr. Schisandrae (Wuweizi), handelt es sich um ein adstringierendes Kraut. Dieses wird verwendet, um einerseits den Geist zu beruhigen (indem das Nieren-Yin adstringiert wird) und andererseits, um symptomatisch einer übermäßigen Schweißproduktion entgegen zu wirken. Dieses Kraut sollte auf keinen Fall zu hoch dosiert werden, da sonst der Dekokt für die meisten Menschen einen äußerst unangenehmen Geschmack aufweisen würde.

Zusammenfassung

Zusammengefasst handelt es sich bei „An shen san“ um eine ausgewogene Rezeptur, die das Shen beruhigt, ohne schwer verdauliche Mineralien zu enthalten. Da sie Milz-Qi tonisierende Kräuter enthält, kann sie mit gutem Gewissen über einen längeren Zeitraum gegeben werden (speziell bei Unruhezuständen und Schlafproblemen). Bei älteren, ausgelaugten Menschen empfiehlt sich die zusätzliche Gabe von Yin tonisierenden Kräutern, um Probleme im Bereich der Shao-Yin-Achse (Nieren-Yin-Mangel / Herz-Feuer) auszugleichen.

Entsprechende Rezeptur aus westlichen Kräutern:

  • Folium Melissae Melisse 5 g Kaiserkraut
  • Strobulus Lupuli Hopfen 2 g Ministerkraut
  • Herba Pulmonariae Lungenkraut 4 g Polizeikraut
  • Flos Rosae Rose 5 g Ministerkraut
  • Herba Passiflorae Passionsblume 5 g Ministerkraut
  • Flos Crataegi Weißdornblüten 4 g Ministerkraut
  • Pericarpium Citri reticulatae Mandarinenschalen 5 g Polizeikraut
  • Herba Millefolii Schafgarbe 3 g Polizeikraut
  • Radix Glycyrrhizae Uralensis Süßholz 2 g Botschaftskraut

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Als Kaiserkraut dieser Rezeptur dient die bittere, leicht adstringierend wirkende, thermisch kalte Melisse (Folium Mellisae). Diese wird eingesetzt, um ein eventuell vorhandenes Herz-Feuer zu kühlen. In ihrer Shen beruhigenden Wirkung wird sie durch das Ministerkraut Hopfen (Strobulus Lupuli) unterstützt. Dabei handelt es sich um ein Kraut, das im Bereich des Shao-Yin (Herz und Niere) wirkt: Hopfen (Strobulus Lupuli) klärt Herz-Feuer und beruhigt den Geist, nährt aber andererseits das Nieren- und Herz-Yin. Auf diese Weise wird das Yin vor einer weiteren Verletzung durch die vorhandene Hitze geschützt. Lungenkraut (Herba Pulmonariae) befindet sich in der Rezeptur, um das Yin zu nähren. Aus diesem Grund gilt Lungenkraut (Herba Pulmonariae) als das Polizeikraut dieser Rezeptur. Bei den nächsten drei Kräuter handelt es sich um Ministerkräuter: Rosenblüten (Flos Rosae), Passionsblume (Herba Passiflorae) und Weißdornblüten (Flos Crataegi). Diese  Kräuter beruhigen das Herz und wirken klärend im Bereich des Shen. Sie entschleimen die Herzkanäle und können in Kombination mit den bitteren, thermisch kalten Kräutern eingesetzt werden, um Angstzustände, Reizbarkeit, etc., zu therapieren. Interessant ist, dass in Europa Weißdornblüten (Flos Crataegi) schon seit vielen Jahrhunderten als Herz beruhigendes Kraut verwendet wurden, während in China (Fructus Crataegi) hauptsächlich Weißdornfrüchte in Verwendung waren bzw. sind. In China werden diese eingesetzt, um das Milz-Qi zu tonisieren und die Resorptionsfähigkeit des Verdauungstraktes zu verbessern. Mandarinenschalen (Pericarpium Citri ret.) befinden sich als Polizeikraut in der Rezeptur, um das Milz-Qi zu tonisieren und Qi-Stagnationen im Bereich des Verdauungstraktes aufzulösen. Schafgarbe (Herba Millefolii) dient als Polizeikraut, das Qi-Stagnationen – speziell im Bereich der Leber – entgegenwirkt. Bei vielen Menschen, die unter Schlafproblemen, Angstzuständen, Panikattacken, etc., leiden, wirkt sich eine bestehende Qi-Stagnation auf den Bereich des Herzes aus. Aus diesem Grund sollten Kräuter, die eine Leber-Qi-Stagnation auflösende Wirkung besitzen, nicht vergessen werden. Süßholz (Rdx. Glycyrrhizae) dient als Botschaftskraut dieser Rezeptur. Dieses kann eingesetzt werden, um den Geist (Shen) zu beruhigen. Außerdem harmonisiert es die Wirkungen der anderen Kräuter dieser Rezeptur.

Tian wang bu xin tang (Die Pille des Himmelsherrschers, die das Herz tonisiert)

  • Rdx. Rhemanniae Viridae (Shengdihuang) 6 g Kaiserkraut
  • Rdx. Ginseng (Renshen) 2 g Ministerkraut
  • Tuber Asparagi (Tianmendong) 6 g Polizeikraut
  • Rdx. Ophiopogonis (Maimendong) 5 g Polizeikraut
  • Rdx. Scrophulariae (Xuanshen) 5 g Polizeikraut
  • Rdx. Salviae miltioohizae (Danshen) 5 g Ministerkraut
  • Poria Cocos (Fuling) 5 g Ministerkraut
  • Rdx. Polygalae (Yuanzhi) 5 g Ministerkraut
  • Rdx Angelicae sinensis (Danggui) 5 g Ministerkraut
  • Fr Schisandrae (Wuweizi) 3 g Polizeikraut
  • Semen Biotae (Baiziren) 5 g Ministerkraut
  • Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) 5 g Polizeikraut
  • Rdx. Platycodi (Jiegeng) 3 g Botschaftskraut

Wirkung:

  • Nährt das Yin
  • Tonisiert das Blut
  • Tonisiert das Herz
  • Beruhigt Shen

Indikation:

  • Schlafstörungen, bzw. unruhiger Schlaf
  • Herzklopfen mit Unruhezustände
  • Schmerzen in der Herzregion
  • Reizbarkeit
  • Unfähigkeit, sich auch nur eine kurze Zeit zu konzentrieren
  • Gedächtnisschwäche
  • Nächtliche Samenergüsse
  • Trockener Stuhl
  • Entzündungen der Mundschleimhäute
  • Nachtschweiß

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:

  • Herzrhythmusstörungen
  • Menopausale Beschwerden (Wechseljahrbeschwerden)
  • Chronische Urticaria (Nesselsucht)
  • Neurasthenie (nervöse Erschöpfung)
  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen)
  • Palpitationen (Herzklopfen)
  • Stenocardien (Beklemmungsgefühl im Brustbereich)
  • Aphten (Defekte der Mundschleimhaut)

Zunge: roter Zungenkörpers mit wenig Zungenbelag.

Puls: dünn (Xi), schnell (shuo).

Beschreibung der klassischen TCM-Rezeptur:

Es gibt eine Geschichte, nach der die Rezeptur „Tian wang bu xing tang“ einem chinesischen Arzt während eines Traumes durch den „Himmelskaiser“ offenbart wurde. Im Bewusstsein des Arztes erschien – während er schlief – ein Kraut nach dem anderen. Doch bevor der Himmelskaiser die entsprechenden Dosierungen „überliefern“ konnte, ist der Arzt aus seinem Schlaf erwacht. Deswegen ist „Tian wang bu xing tang“ eine der wenigen klassischen Rezepturen, von denen im Quellentext (chinesischer Titel: She sheng mi pou) keine Dosierungsangaben vorliegen. Soviel zur Anekdote der „Entstehungsgeschichte“ der Rezeptur.

„Tian wang bu xing tang“ kann eingesetzt werden, um das Blut und Yin zu nähren, das Herz-Qi zu tonisieren und den Geist (Shen) zu beruhigen. Wenn eine Balance zwischen Herz und Nieren besteht und Feuer und Wasser in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, befindet sich auch der Geist (Shen) in einem harmonischen Zustand. Die Rezeptur wurde konzipiert, um folgenden Symptomen auf Grund eines Blut- und Yin-Mangels entgegenzuwirken: innere Unruhe, Reizbarkeit, Aphten im Bereich der Mundschleimhaut, Urtikaria (Nesselsucht) sowie Schlafprobleme. Wie kommt es zu den eben angeführten Symptomen?

Bei einem Herz-Blut-Mangel können Palpitationen (Herzklopfen) sowie Vergesslichkeit und Ängstlichkeit auftreten. Bei einem Blut- und Yin-Mangel steigt Leere-Hitze aufwärts. Wenn diese den Herzbereich erreicht, resultieren daraus Unruhezuständen, eine Konzentrationsschwäche sowie Schlafstörungen. Nachtschweiß und nächtliche Samenergüsse können aufgrund eines Yin-Mangel auftreten. Da die Zunge der Öffner des Herzens ist, manifestieren sich energetische Dysbalancen des Herzbereiches auf der Zunge. Aus diesem Grunde werden regelmäßig Schleimhautdefekte im Mund von Menschen mit Herz-Feuer gefunden.

Zur Analyse der einzelnen Kräuter der Rezeptur

Das Kaiserkraut Rdx. Rhemanniae (Shengdihuang) nährt das Yin und klärt Hitze. Sein spezieller Bezug zum Nieren-Yin (Wasser) trägt zur Kontrolle des Shen bzw. der Leere-Hitze (Feuer) bei. Zusätzlich kann Rdx. Rhemanniae (Shengdihuang) das Blut nähren. Rdx. Salviae (Danshen) und Rdx. Angelicae sinensis (Danggui) nähren als Ministerkräuter das Blut, ohne Stagnationen hervorzurufen. Die Kombination der Ministerkräuter Semen Biotae (Baiziren) und Rdx. Polygalae (Yuanzhi) beruhigen den Geist (das Shen). Zwei weitere Ministerkräuter, Rdx. Ginseng (Renshen) und Poria Cocos (Fuling), nähren und beruhigen das Herz-Qi. Tuber Asparagi (Tianmendong), Rdx. Ophiopogonis (Maimendong) und Rdx. Scrophulariae (Xuanshen) nähren das Yin und klären Leere-Hitze, ohne jedoch zu Feuchtigkeitsproblemen zu führen. Diese drei Kräuter dienen, ebenso wie die beiden Folgenden, als Polizeikräuter. Fr. Schisandrae (Wuweizi) und Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren), schützen durch ihre adstringierende Eigenschaft vor einem zusätzlichen Qi-Verlust.

Das Botschaftskraut dieser Rezeptur ist Rdx. Platycodi (Jiegeng). Dieses Kraut leitet die Wirkung der anderen Kräuter in den Bereich des Oberen Erwärmers.

Entsprechende Rezeptur aus westlichen Kräutern:

  • Herba Visci alba Mistel 8 g Kaiserkraut
  • Herba Galeopsidis ockergelber Hohlzahn 10 g Ministerkraut
  • Flos Crataegi Weißdornblüten 4 g Ministerkraut + Botschaftskraut
  • Folium Melissae Melissenblätter 5 g Ministerkraut
  • Radix Ginseng Ginseng 3 g Ministerkraut
  • Herba Passiflorae Passionsblume 5 g Ministerkraut
  • Strobulus Lupuli Hopfen 2 g Ministerkraut
  • Flos Rosae Rose 5 g Ministerkraut
  • Herba Hyperici Johanniskraut 2 g Ministerkraut

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Als Kaiserkraut dieser Rezeptur dient die bittere, thermisch neutrale Mistel (Herba Visci). Diese klärt Hitze und beruhigt den Geist. Zusätzlich nährt sie das Herz- und Nieren-Yin. Unterstützt wird das Kaiserkraut durch mehrere Ministerkräuter:  Ockergelbe Hohlzahn (Herba Galeopsidis) tonisiert das Yin und kontrolliert damit ein übermäßiges Aufkommen von Hitze, die den Geist (Shen) beeinträchtigen kann. Weißdornblüten (Flos Crataegi) dienen sowohl als Minister- als auch als Botschaftskraut. Sie tonisieren das Herz-Qi. Die Kombination der Ministerkräuter Melissenblätter (Folium Melissae), Passionsblüten (Herba Passiflorae), Rosenblüten (Flos Rosae) und Johanniskraut (Herba Hyperici) tonisieren ebenfalls das Herz-Qi und beruhigen den Geist (das Shen). Der bittere, leicht adstringierende, thermisch kühle Hopfen (Strobulus Lupuli) klärt Hitze und beruhigt den Geist. Dieses Kraut besitzt eine nach unten gerichtete Wirkrichtung. (Leere Hitze wird durch Hopfen (Strobulus Lupuli) nach unten geleitet, indem das Nieren-Yin genährt wird).

Rdx. Ginseng (Renshen), ein weiteres Ministerkraut, tonisiert das Yuan-Qi (Quellen-Qi) und beruhigt ebenfalls den Geist. Ergänzt wird die Rezeptur durch das bittere, thermisch kalte Johanniskraut (Herba Hyperici). Dieses entschleimt die Herzkanäle und nährt das Yin. Zusätzlich kann das Ministerkraut Johanniskraut (Herba Hyperici) einer eventuell vorhandenen Leber-Qi-Stagnation entgegenwirken.

Auch bei dieser Rezeptur ist es empfehlenswert, vor der Einnahme der Kräuter einen Esslöffel Honig der Flüssigkeit hinzuzufügen. Honig dient als Botschafter in Richtung Herz und hat zusätzlich eine Herz-Blut nährende und somit beruhigende Wirkung.

Suan cao ren tang (Semen Ziziphi-Dekokt)

  • Semen Ziziphi Spinosae (Suanzaoren) 8 g Kaiserkraut

  • Rdx. Ligustici (Chuanxiong) 3 g Ministerkraut
  • Poria Cocos (Fuling) 4 g Polizeikraut
  • Rdx. Glycyrrhizae Uralensis (Gancao) 2 g Polizeikraut
  • Rhz. Anemarrhenae (Zhimu) 3 g Botschaftskraut

Wirkung:

  • Tonisiert das Blut
  • Beruhigt Shen
  • Klärt Hitze
  • Beendet Unruhezustände

Indikation:

  • Unruhezustände
  • Reizbarkeit
  • Unfähigkeit zu Schlafen
  • Nachtschweiß
  • Drehschwindel
  • Trockenheit der Mundschleimhäute

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:

  • Insomnia (Schlafstörungen)
  • Palpitationen (Herzklopfen)
  • Panikattacken
  • Neurasthenie (nervöse Erschöpfung)
  • Herzrhythmusstörungen
  • Menopausale Beschwerden (Wechseljahrbeschwerden)
  • Stenocardien (Beklemmungsgefühl im Brustbereich)
  • Aphten (Defekte der Mundschleimhaut)

Zunge: roter Zungenkörpers mit wenig, trockenem Zungenbelag.

Puls: dünn (Xi) oder gespannt (xian), schnell (shuo).

Beschreibung der klassischen TCM-Rezeptur:

Die Rezeptur „Suan cao ren tang“ ist dem Werk „Jin gui yao lue“ entnommen. Sie kann eingesetzt werden, wenn ein Leber-Blut-Mangel in Kombination mit Leere-Hitze vorliegt. Bei Bestehen eines Leber-Blut-Mangels kann sich zusätzlich relativ leicht ein Herz-Blut-Mangel entwickeln. (Holz ist die Mutter des Feuers, das in diesem Fall nicht ausreichend genährt werden kann). Wenn aufgrund dieses Blut-Mangels Leere-Hitze entsteht, können Symptome wie: Reizbarkeit, Unruhe, Schlafprobleme, Palpitatinen (Herzklopfen), Nachtschweiß, Trockenheit der Mundschleimhäute sowie ein roter Zungenkörper mit wenig bzw. trockenem Zungenbelag auftreten. Die Rezeptur „Suan cao ren tang“ tonisiert das Leber-Yin sowie das Herz-Blut und leitet aufsteigendes Yang abwärts. Dadurch wirkt sie Schlaf fördernd.

Das „Hun“ steht in enger Verbindung zu dem Blut. Wenn wir schlafen, sollte sich das „Hun“ im Bereich der Leber sammeln. Bei Patienten mit einem Leber-Blut-Mangel verlässt das „Hun“ seinen vorgesehenen Platz im Bereich der Leber. Dies kann zu unruhigen Träumen oder Schlafproblemen führen. „Suan cao ren tang“ wirkt dieser Problematik entgegen.

Die Analyse der einzelnen Kräuter der Rezeptur:

Die Rezeptur wirkt Herz-Blut nährend und den Geist (das Shen) beruhigend. Die Hitze klärende Wirkung ist in dieser Rezeptur von untergeordneter Bedeutung.

Das Kaiserkraut Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) ist süß, sauer und thermisch neutral. Es nährt Leber- und Herz-Blut und wirkt beruhigend. Das Ministerkraut Rdx. Ligustici (Chuanxiong) nährt ebenfalls das Leber-Blut, gleichzeitig verbessert es die Zirkulation des Leber-Blutes. Diese Kombination eines adstringierenden, Blut-tonisierenden und eines Stagnations-auflösenden Krautes ist äußerst effektiv, um gleichzeitig das Leber-Blut zu nähren und den Geist zu beruhigen, ohne Stagnationen herzurufen. Das Polizeikraut Poria Cocos (Fuling) beruhigt den Geist und tonisiert das Milz-Qi. Rhz. Anemarrhenae (Zhimu) nährt das Yin und klärt Hitze, ohne Feuchtigkeit zu verursachen. Es dient als Polizeikraut,  welches der austrocknenden Wirkung der anderen Kräuter entgegenwirkt. Das zweite Polizeikraut, Rdx. Glycyrrhizae (Gancao), wirkt harmonisierend im Bereich des Mittleren Erwärmers und beruhigt gleichzeitig den Geist (das Shen).

Entsprechende Rezeptur aus westlichen Kräutern:

  • Herba Passiflorae Passionsblume 5 g Kaiserkraut
  • Flos Crataegi Weißdornblüten 7 g Ministerkraut
  • Fructus Rubi fructicosi unreife Himbeere 4 g Ministerkraut
  • Herba Millefolii Schafgarbe 4 g Ministerkraut
  • Rhizoma Valerianae Baldrian 5 g Ministerkraut
  • Folium Rosmarini Rosmarin 4 g Polizeikraut
  • Radix Glycyrrhizae Uralensis Süßholz 2 g Polizeikraut

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Als Kaiserkraut dieser Rezeptur dient die Passionsblume (Herba Passiflorae). Diese thermisch kühle Pflanze klärt Hitze und beruhigt den Geist. Sie wird in ihrer Shen (Geist) beruhigenden Wirkung durch das Ministerkraut Weißdornblüten (Flos Crataegi) unterstützt. Als weiteres Ministerkraut dienen unreife Himbeeren (Fructus Rubi fructicosi). Diese wirken aufgrund ihrer adstringierenden, thermisch kühlen Wirkung nicht nur übermäßigem Schwitzen entgegen, sondern zusätzlich beruhigend. Sie befestigen das Nieren-Qi und wirken in Kombination mit den beiden Kräutern Passionsblume (Herba Passiflorae) und Weißdornblüten (Flos Crataegi) schlaffördernd für Menschen, die unter einem Herz-Blut-Mangel leiden. Als weiteres Ministerkraut dieser Rezeptur dient Schafgarbe (Herba Millefolii). Diese wirkt Qi-Stagnationen entgegen und Hitze klärend.

Das letzte Ministerkraut, der süße, bittere, scharfe, thermisch warme Baldrian (Rhz. Valerianae) tonisiert das Herz-Yang und bewegt das Herz-Blut. Der leicht bittere, scharfe, thermisch warme Rosmarin (Folium Rosmarini) kann in dieser Rezeptur als Polizeikraut angesehen werden. Rosmarin (Folium Rosmarini) tonisiert das Qi und Yang, nährt aber gleichzeitig das Herz-Blut. Das zweite Polizeikraut der Rezeptur, Süßholz (Rdx. Glycyrrhizae Uralensis), beruhigt das Herz und tonisiert das Milz-Qi. Insgesamt wirkt diese Rezeptur aus westlichen Kräutern Shen (Geist) beruhigend, indem das Blut tonisiert wird und übermäßige Hitze ausgeleitet wird. Auch bei dieser Rezeptur ist es empfehlenswert, diese mit einem Esslöffel Honig vermischt einzunehmen, um einen zusätzlichen Bezug zum Herz-Blut herzustellen.

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Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch „Westliche und traditionell chinesische Heilkräuter“ von Florian Ploberger, welches im Frühjahr 2017 bei Bacopa erscheinen wird.

Dr. Florian Ploberger

Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA, TCM-Arzt, Tibetologe, Fachbuchautor. Internationale universitäre und interdisziplinäre Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen in den Themenbereichen Tibetische Medizin und TCM. Präsident der Österreichischen Ausbildungsgesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin (ÖAGTCM). Mehrere Bücher veröffentlicht. (Schwerpunkte: Westliche Kräuter aus Sicht der TCM sowie Tibetische Medizin). Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung der ersten beiden und des letzten Teils des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt. Weitere Informationen finden Sie unter www.florianploberger.com