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Artikel von Aljoscha Schümer, Heilpraktiker und TCM-Experte zum Thema Akupunktur und die Philosophie der Himmelsstämme und Erdenzweige (Tian Gan Di Zhi)

Die Klassische Chinesische Medizin ist in einem philosophischen, kosmologischen System verankert. Ein Vehikel dieses kosmologische System erfahrbar zu machen, ist die Betrachtung des Kalenders, welche in der gesamten klassischen Kultur Chinas eine zentrale Rolle gespielt hat.

Die Grundelemente des Kalenders basieren auf der Systematik der Himmelsstämme (Tian Gan), Erdenzweige (Di Zhi) und sechs Schichten (Liu Qi). Sie waren eine wichtige Grundlage der Klassischen Chinesischen Medizin, gerieten aber spätestens mit der Standardisierung der TCM nach Zang Fu Syndromen in den Hintergrund.

Huangdi Nei Jing

Die Grundzüge dieses Behandlungssystems basieren auf den Kapiteln 66 bis 74 des Huang Di Nei Jing Su Wen. Diese beschreiben die Fünf Elemente und Sechs Schichten auf den Ebenen des Himmels, der Erde und des Menschen sowie deren Verbindung zum Chinesischen Kalender.

Ein Verständnis der Stämme und Zweige bietet einen vertieften Zugang zur energetischen Vernetzung der inneren Organe. In der Klassischen Chinesischen Medizin war ein Organ sowohl einem Element wie aus der TCM bekannt zugeordnet, darüber hinaus aber auch einer Schicht sowie dem Element des Erdenzweiges und dem Element des Himmelsstammes („große Bewegung“/ Da Yun).

Ursprünglich war dieses System präventiv ausgerichtet. Durch Erkennen der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Menschen dominanten Stämme und Zweige sollten Krankheitsanfälligkeiten erkannt und frühzeitig ausgeglichen werden.

Himmelsstämme in der Klassischen Chinesischen Medizin

Die Himmelsstämme (Tian Gan) beschreiben eine sehr feine Ebene, die Welt und Elemente auf der Ebene der Ideen und des Raumes. Es sind quasi die Stämme, die aus dem Himmel herabwachsen zu uns auf die Erde und uns in unserem himmlischen Ursprung und in unserer Anbindung an die Tugenden verwurzeln.

Die Verbindung eines Organs mit dem zugehörigen Himmelsstamm (Tian Gan) und seinem Element (Da Yun) hat somit eine besondere Bedeutung für die tiefere Konstitution eines Menschen und alle sich daraus potentiell entwickelnden Krankheiten. Denn so wie der Himmelsstamm eines Jahres und sein Element alle klimatischen Gegebenheiten innerhalb dieses Jahres auf der Erde prägen können, kann auch die Energetik im Menschen durch einen Himmelsstamm eine grundlegende Dynamik erhalten. Können wir dies erkennen und die energetischen Auswirkungen richtig deuten, können wir oft die Entstehung sowohl von akuten als auch von chronischen Erkrankungen verhindern.

Erdenzweige in der Klassischen Chinesischen Medizin

Die Ebene der Erdenzweige (Di Zhi) beschreibt die Elemente auf der Ebene der Zeit und des zyklischen Wandels. Die Erdenzweige sind die Grundlage für die Organuhr und die Energetik der Jahreszeiten.

Die Erde kreist innerhalb eines Jahres um die Sonne, unterteilt in die 12 lunaren Monate. Sie dreht sich zudem innerhalb eines Tages um sich selbst, wodurch die 12 Doppelstunden der Organuhr entstehen. Beides wird repräsentiert durch die 12 Zweige Di Zhi.

Im zeitlichen Verlauf fließt die Energie also in der Reihenfolge der Erdenzweige und so sind sie auch verknüpft mit der Qi Zirkulation in den Meridianen. Die Energie fließt in der Reihenfolge der Erdenzweige mit ihren zugehörigen Meridianen durch das Meridiansystem ( Gallenblase, Leber, Lunge…).

Das Anwachsen des Yang durch den Zyklus der ersten sechs Erdenzweige und das Wachsen des Yin in den zweiten sechs Erdenzweigen wird widergespiegelt in den 12 Fluthexagrammen, welche den Erdenzweigen zugeordnet sind. Durch die Betrachtung der Fluthexagramme können wir besser verstehen, wie aus der Beziehung von Yin und Yang die Fähigkeiten von Öffnen und Schließen, Ausdehnung und Kontraktion, Steigen und Sinken entstehen.

Die Betrachtung der Monatshexagramme ebenso wie der Schriftzeichen der einzelnen Erdenzweige hilft uns, unser Verständnis der Energetik jedes einzelnen Schrittes durch den Jahres-und Tagesverlauf zu vertiefen. So entsteht ein vielschichtiges Bild der energetischen Qualitäten des Energieflusses durch die Zyklen der Zeit und deren Einfluss auf die Konstitution eines Menschen. Es wird zudem die energetische Grundlage der chinesischen Tierkreiszeichen deutlich, welche insbesondere eng mit unseren emotionalen Ressourcen verbunden sind und ebenfalls auf der Systematik der Erdenzweige beruhen.

Die bekannteste Anwendung der Erdenzweige ist die Mittag-Mitternachtsregel: die balancierende Behandlung auf der Ebene der Erdenzweige. Der Ausgleich der gegenüberliegenden Erdenzweige mit ihrer entgegengesetzten Energiebewegung bringt uns in Kontakt mit unserem ursprünglichen Shen (Yuan Shen) im Herzen. Hier findet die innere Begegnung und Harmonisierung von Yin und Yang statt.

Die sechs Schichten im chinesischen Kalender

Im chinesischen 60-jährigen Kalender gibt es in jedem Jahr eine dominante Schicht der ersten sowie der zweiten Jahreshälfte sowie die Abfolge der sechs Schichten im Jahresverlauf. Das Verhältnis der Energetik einer Jahreszeit wie sie sein sollte (Gastgeber Qi genannt) und der tatsächlich in einem Jahr ankommenden Schichten (Gast Qi) prägt insbesondere die Dynamik der Klimafaktoren (Wind, Hitze, Sommerhitze, Feuchtigkeit, Trockenheit und Kälte) und wie der Mensch sich hierzu in Beziehung setzen und verteidigen kann. Die Kapitel 66-74 des Huang Di Nei Jing geben eine Fülle von Hinweisen, wie wir in Akupunktur-und Kräuterrezepten diese Dynamik aufgreifen und für eine individuell angepasste Behandlung nutzen können.

Die 6 Qi Liu Qi beschreiben also insbesondere die körperliche Ebene, die Ebene des Menschen. Hier steht der Mensch zwischen Himmel und Erde. Die Verbindung von Himmel, Erde und Mensch ergibt drei Yin und drei Yang. Diese drei Yin und drei Yang bilden die sechs Schichten, welche entsprechend je ein spezifisches Yin Yang Verhältnis haben. Darüber gewährleisten sie sowohl die Verteidigung der inneren Integrität als auch die Verteidigung gegen äußere pathogene Faktoren. Es gibt verschiedene Anordnungen der sechs Schichten, welche je ihre eigene Bedeutung für die Behandlung haben. Die topologische Anordnung mit der Schicht Shao Yin als tiefste Schicht, sowie die chronologische Anordnung mit Jue Yin als tiefste Schicht genauso wie eine kalenderspezifische Abfolge entsprechend der sechs Jahreszeiten können für konkrete Behandlungsstrategien nach den sechs Schichten nutzbar gemacht werden.

Die sechs Schichten sind im Chinesischen Kalender der letzte der drei den Kalender hauptsächlich strukturierenden Komponenten (im Einzelnen die Himmelsstämme Tian Gan, Erdenzweige Di Zhi und sechs Schichten Liu Qi).

Unsere körperlichen Ressourcen und Fähigkeit mit den klimatischen Gegebenheiten zu harmonieren sind hier begründet. Darüber hinaus fassen die sechs Schichten Liu Qi den Zustand der Inneren Organe und Meridiane sowie von Blut, Flüssigkeiten, Gewebestrukturen, Sinnesorgane und Qi in einem energetischen Netzwerk zusammen. Entsprechend waren sie in der Klassischen Chinesischen Medizin für alle Behandlungsverfahren ein grundlegendes und wichtiges Thema.

Innerhalb des 60 jährigen Kalenders gibt es nur 5 komplett ausgewogene Jahre. In allen anderen Jahren ist die Klimaentwicklung unregelmäßig, in einigen sogar gegenläufig. Konkret wäre also in einem ausgewogenen Jahr der Frühling ein sanftes Erwachen der Wärme. In einem unausgewogenem Jahr wäre der Frühling z.B. zu heiß oder auch zu feucht. Dies behindert das Wachstum der Pflanzen und kann auf der Ebene des Menschen z.B. zum Auftreten von spezifischen Infektionskrankheiten in diesem Jahr führen.

Die dominierenden Schichten eines Jahres sowie die aktuelle Schicht einer Jahreszeit zu berechnen sowie deren assoziierte Wettermuster zu verstehen hilft sowohl die Konstitution unserer Patienten als auch die Natur der pathogenen Faktoren zu einem gegebenen Zeitpunkt besser zu verstehen.

Das gemeinsame energetische Feld des Lebens

Anhand der Energetik der Jahre und Jahreszeiten kann ein vertieftes Verständnis von Physiologie und Pathophysiologie deutlich und die klassische Chinesische Medizin wieder als ein Spiegelbild der Einbindung des Menschen in den Kosmos erfahren werden.

Es gibt etwa 360 Akupunkturpunkte, 360 Kräuterrezepte und 360 Tage im Jahr. Unsere Physiologie und Pathophysiologie ist nicht getrennt von den klimatischen Entwicklungen auf der Erde und den gemeinsamen Zyklen des Bewusstseins im Universum.

Oft ist das gesamte Pulsbild, die gesamte energetische Situation eines Menschen und die Art und Weise zu erkranken und zu heilen von den Stämmen und Zweigen in der Tiefe geprägt. Dies in einer Behandlung zu integrieren und zu beachten, verbessert unseren klinischen Erfolg und verbindet Menschen wieder mit ihren tieferen Quellen in Zeit und Raum, Himmel und Erde.

Die Kapitel 66-74 des Huang Di Nei Jing bieten viele Beispiele, wie dies für die Behandlung genutzt wurde.


Hier finden Sie eine Kurs zu diesem Thema:

Aljoscha Schümer

Einführungskurs in den Chinesischen Kalender, 1. Teil (von 3 Teilen)

>Hier geht es zum Video + Trailer


 

Aljoscha Schümer

Aljoscha Schümer, Heilpraktiker für chinesische Medizin. Erstmaliger Aufenthalt in China im Jahr 1989. Ausbildung in Chinesischer Medizin an der Heilpraktikerschule und ABZ Ost Shou Zhong in Berlin mit Akupunkturdiplom der AGTCM. Aus- und Weiterbildung im System der himmlischen Stämme und Erdzweige bei M.Ac. Joan Duveen seit 2009 in Berlin und den Niederlanden. Weitere Ausbildungen innerhalb der AGTCM bei Volker Scheid, Arnaud Versluys, Hamid Montakab, Prof. Wu Jie, Steven Birch und Heiner Frühauf. Ausbildung zum Qi Gong Lehrer bei Prof. Liu Yafei, Aufenthalt in der Qi Gong Klinik in Beidaihe, China. Seit 1998 in eigener Vollzeitpraxis aktiv. Verfasser von Fachartikeln in der TCM-Zeitschrift Qi sowie in der Naturheilpraxis. Unterrichtet Akupunktur nach der Philosophie der Himmelsstämme und Erdenzweige sowie Pulsdiagnose in Berlin, München und dem Allgäu.

Aljoscha Schümer
Autor

Aljoscha Schümer, Heilpraktiker für chinesische Medizin. Erstmaliger Aufenthalt in China im Jahr 1989. Ausbildung in Chinesischer Medizin an der Heilpraktikerschule und ABZ Ost Shou Zhong in Berlin mit Akupunkturdiplom der AGTCM. Aus- und Weiterbildung im System der himmlischen Stämme und Erdzweige bei M.Ac. Joan Duveen seit 2009 in Berlin und den Niederlanden. Weitere Ausbildungen innerhalb der AGTCM bei Volker Scheid, Arnaud Versluys, Hamid Montakab, Prof. Wu Jie, Steven Birch und Heiner Frühauf. Ausbildung zum Qi Gong Lehrer bei Prof. Liu Yafei, Aufenthalt in der Qi Gong Klinik in Beidaihe, China. Seit 1998 in eigener Vollzeitpraxis aktiv. Verfasser von Fachartikeln in der TCM-Zeitschrift Qi sowie in der Naturheilpraxis. Unterrichtet Akupunktur nach der Philosophie der Himmelsstämme und Erdenzweige sowie Pulsdiagnose in Berlin, München und dem Allgäu.

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