Beschreibung der Rezeptur Padma Digestin aus Sicht der TCM

Beschreibung der Rezeptur Padma Digestin aus Sicht der TCM

- in TCM / Akupunktur
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Im dritten Teil: Die Beschreibung der Rezeptur Padma Digestin

Die Rezeptur Padma Digestin in ausführlicher Art und Weise aus Sicht der TCM beschrieben

Gemäss Packungsbeilage (Schweiz) stärkt Padma Digestin die Verdauung und wird traditionell angewendet bei Neigung zu Verdauungsschwäche, Verdauungsstörungen, Druck- oder Völlegefühl in der Magengegend, Blähungen und Appetitmangel. Es unterstützt eine gesunde Magenentleerung und harmonisiert die Aktivität von Magen und Darm. Dadurch wird die Passage der Nahrung erleichtert und verbessert. Die Rezeptur regt die Produktion der verschiedenen Verdauungssäfte an und sorgt für eine gute Durchmischung des Speisebreis. Nach der rechtzeitigen Beförderung aus dem Magen in den Darm verlängert die Pflanzenmischung ausserdem das Verweilen im Dünndarm, so dass genügend Zeit für die Zersetzung und Resorption der Nährstoffe bleibt. Bei geschwächtem Allgemeinzustand wird mangelndem Appetit sowie längerfristig auch Müdigkeit und Abgespanntheit entgegengewirkt.

Auszug aus vierten Kapitel des Letzten Tantra

Anbei ein Auszug aus einem Abschnitt über medizinische Pulver zur Heilung von Kälte-Krankheiten im vierten Kapitel des Letzten Tantra über die der Mischung Padma Digestin zugrundeliegenden tibetischen Rezeptur se ’bru lnga pa (fünf):

“Diese dient zur Behandlung von Verdauungsstörungen aufgrund von bad kan-Krankheiten, kalten Schleimmassen im Bereich des Magens, Erbrechen, Anorexie und ist besonders wirksam bei rlung-Krankheiten des Herzens sowie bei Krankheiten der Niere und der Leibesmitte. Fügt man obiger Mischung stattdessen gur kum hinzu, so entsteht die Arznei se ’bru lnga pa zur Regulierung der Hitze des Verdauungstraktes und des Hitze-Kälte-Konfliktes“ (Men-Tsee-Khang 2011: 76).

In den meisten Fällen bestehen die Rezepturen der TTM aus einer grossen Anzahl an Einzelbestandteilen (Pflanzen, Mineralien und auch Tierprodukte, welche heute jedoch kaum mehr eingesetzt werden). Daher ist es nicht immer einfach, zu definieren, welcher Bestandteil Kaiser-, Minister-, Polizei- und welcher Botenkraut ist.

Bei der vorliegenden Rezeptur, die lediglich aus fünf Kräutern besteht, fällt eine derartige Zuordnung leichter. Von den fünf Kräutern, deren Pflanzenteile Bestandteil der Rezeptur sind, kann sicherlich Punica granatum L. als das Kaiserkraut bezeichnet werden. Die übrigen vier Kräuter Elettaria cardamomum (Roxb.) Maton var. minuscula Burkill, Cinnamomum aromaticum NEES, Alpinia officinarum Hance und Piper longum L. / Piper retrofractum VAHL sind Ministerkräuter,  welche das Kaiserkraut in seiner Wirkung unterstützen.

Der Wirkstoff Punicae granati semen (die Samen von Punica granatum L., Granatapfel) wird im Tibetischen mit se ’bru bezeichnet (Dawa 2003: 50). Die in der TTM verwendeten Granatapfelsamen sind vom Geschmack her sauer, thermisch warm (tshul khrim skal bzang 2008: 374) und werden eingesetzt, um das Milz-Qi sowie -Yang zu tonisieren, das Blut zu nähren und Parasiten zu vertreiben.

Interessanterweise kommen in der TCM in den meisten Fällen nicht Granatapfelsamen, sondern lediglich die Schalen der Früchte (Punicae granati pericarpium, chinesisch: Shiliupi) zur Anwendung. Diese werden als sauer, adstringierend und thermisch warm beschrieben. Hauptsächliche Anwendungsgebiete aus Sicht der TCM sind Durchfall- sowie Parasitenerkrankungen. Darüber hinaus werden sie zum Bewahren des Nieren-Qi sowie des Jing (Essenz) eingesetzt (Bensky 1993: 384).

Ministerkraut

Das erste Ministerkraut, Alpinia officinarum Hance (verwendeter Pflanzenteil: Rhizom) (echter Galgant), ist scharf, thermisch heiss und wird den Organen Milz sowie Magen zugeordnet. Galgant wird vorrangig eingesetzt, um im Bereich des Mittleren Erwärmers zu wärmen bzw. Magen-Kälte entgegenzuwirken. Somit wird die Wirkung des Kaiserkrautes unterstützt. Des Weiteren wirkt Galgant auf milde Art und Weise Blut-Stagnationen und somit Schmerzen entgegen und kann zum Tonisieren des Milz-Qi und -Yang herangezogen werden (Ploberger 2013: 153).

Das nächsten Ministerkraut, Piper longum L. oder Piper retrofractum VAHL (verwendeter Pflanzenteil: Fruchtstand) (langer Pfeffer) ist scharf, leicht süss und thermisch warm (Yonten 2001: 222). Langer Pfeffer wird eingesetzt, um das Nieren- und Milz-Yang zu tonisieren, sowie um Feuchtigkeit auszuleiten (tshul khrim skal bzang 2008: 203).

Das dritte Ministerkraut, Elettaria cardamomum (Roxb.) Maton var. minuscula Burkill (verwendeter Pflanzenteil: Samen) (Karamom), wird aus Sicht der TCM als scharf, aromatisch sowie thermisch warm beschrieben. Kardamom wird den Organen Milz, Magen, Lunge sowie Dünndarm zugeordnet. Der Begriff „aromatisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Trennungsfunktion des Dünndarmes angeregt wird. Negatives, also Feuchtigkeit, wird von Positivem, nämlich den Körpersäften (chinesische Bezeichnung: Jinye), getrennt. Manche TCM-Texte gehen so weit zu behaupten, dass durch aromatische Kräuter Feuchtigkeit in Körpersäfte umgewandelt wird. Weitere Funktionen, die diesem Bestandteil der Rezeptur zugesprochen werden, sind: Tonisierung das Milz-Yang, wirkt Feuchter-Kälte entgegen, leitet rebellierendes Qi abwärts und wirkt mild Qi-Stagnationen entgegen.

Das vierte und letzte Ministerkraut, Cinnamomum aromaticum NEES (verwendeter Pflanzenteil: Rinde) (Zimtkassia) ist aus Sicht der TCM vom Geschmack her süss sowie bitter und thermisch heiss. Organzuordnungen bestehen zu Herz, Nieren, Milz sowie Leber. Der zuvor angeführte süsse Geschmack lässt erkennen, dass Zimtkassia zur Tonisierung eingesetzt werden kann, konkreter zur Tonisierung des Nieren-Yang. Dieses Nieren-Yang gilt in der TCM als Basis des Verdauungstraktes und ist mit dem Feuer unter einem Kochtopf vergleichbar. Ist das Feuer – also das Nieren-Yang – kräftig, funktioniert der gesamte Verdauungstrakt und somit auch die Umwandlung und Aufnahme der Nahrung gut. Darüber hinaus wärmt diese Pflanze im Bereich der Meridiane, wirkt Qi- und Blut-Stagnationen auf Grund von Kälte entgegen, hilft beim Aufbau von Qi und Blut und hilft bei Zuständen von echter Kälte sowie falscher Hitze.

Bei Padma Digestin handelt es sich in der Gesamtbetrachtung um eine überwiegend scharfe sowie aromatische, thermisch warme Rezeptur. Sowohl das Kaiserkraut als auch alle vier Ministerkräuter sind thermisch heiss oder mindestens warm und keine thermisch kühlen bzw. nährenden Polizeikräuter sind in dieser Rezeptur enthalten. Daraus ergibt sich aus Sicht der TCM ein sehr klarer Wirkmechanismus: Mit grösstenteils scharfen, thermisch warmen bis heissen Kräutern wird das Milz-Qi sowie -Yang tonisiert und somit Feuchte-Kälte aus dem Verdauungstrakt auszuleiten. Hingegen sollte, wer unter Leere-Hitze-Zuständen leidet, diese Rezeptur nur mit Vorsicht und zu bestimmten Gelegenheiten einnehmen. Darüber hinaus wirkt diese Rezeptur in milder Art und Weise Nahrungsmittel-Stagnationen sowie Qi- und Blut-Stagnationen im Bereich des Mittleren Erwärmers entgegen.

Hier zum ersten Teil des Beitrags >>naturmed, Rezepturen der TTM 1/3

 

Dr. Florian Ploberger

Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA, TCM-Arzt, Tibetologe, Fachbuchautor. Internationale universitäre und interdisziplinäre Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen in den Themenbereichen Tibetische Medizin und TCM. Präsident der Österreichischen Ausbildungsgesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin (ÖAGTCM). Mehrere Bücher veröffentlicht. (Schwerpunkte: Westliche Kräuter aus Sicht der TCM sowie Tibetische Medizin). Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung der ersten beiden und des letzten Teils des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt. Weitere Informationen finden Sie unter www.florianploberger.com