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Westliche Kräuter – die Schlehe zur Stärkung der Essenz

Ein Beitrag von Birgit Baur-Müller

Als ich im Herbst 2019 auf die Früchte der Schlehe aufmerksam wurde, in diesem Jahr waren sie besonders reichlich an dem Strauch in unserem Garten, war Corona noch nicht in unserem Leben präsent. Was mir allerdings schon seit einiger Zeit in meiner Praxis aufgefallen war, dass viele Erkrankungen der Patienten auf einer erschöpften Grundenergie, man könnte es als Essenzschwäche (Yin-Aspekt) oder erschöpftes Yuan-Qi (Yang-Aspekt) bezeichnen, basierten. Ich denke, dieser Prozess vollzieht sich schleichend und multifaktoriell. Das Ergebnis ist dasselbe, burnout Situationen auf verschiedenen Ebenen, ob der Körper eine bösartige Erkrankung entwickelt, sich eine Autoimmunerkrankung zeigt, oder psychisch/emotionale Erschöpfung inform einer Depression sind für mich die Zweige, an deren Wurzel eine tiefe Erschöpfung des Organismus steht. Da ich immer auf der Suche bin, in der westlichen Kräuterheilkunde Alternativen zu finden, die sich in das System der Chinesischen Medizin integrieren lassen, wurde ich also auf die Schlehe aufmerksam und begann, sie mir genauer anzusehen, nachzuforschen und damit zu experimentieren.

Die Schlehe: Schwarz – in der TCM die Farbe der Niere

Was auffällt, wenn man die reifen Früchte der Schlehe betrachtet, ist die tiefblaue, fast schwarze Farbe der Beeren, die an schon fast kahlen Zweigen hängen (Abb.1). Schwarz ist in der Chinesischen Medizin die Farbe der Niere, auch die Erntezeit, am Ende des Herbstes, fast schon zu Beginn des Winters, die Früchte sollten einen Frost „erleben“ um genießbarer zu werden, fällt in die Nierenzeit. Der Gedanke an eine Tonisierung der Essenz kam mir, als ich mir den Vegetationsprozess der Pflanze näher betrachtete: der Vertreter der Rosenfamilie fängt als erster an zu blühen, an den noch kahlen Zweigen erschienen die weißen Blüten (Abb.2), die fast an Schnee erinnern und oft schneit es auch in dieser Zeit noch einmal. Die Erntezeit schließt das Jahr ab, also umspannt der Vegetationsprozess der Pflanze fast das ganze Jahr. Der „Schlehdorn“ ist „unser ursprünglichstes Obstgehölz“ (Fischer 1986 S.151), was für mich auch bedeutet, steht an der Basis, Wurzel, oder Essenz.

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Schlehen (Abb2)

Historie

„Die Mama aller Pflaumenbäume“ (Lingg 2010), begleitet schon seit der Jungsteinzeit als Schutz und Nahrungsgehölz die Menschen. Der Strauch wächst gerne in Reizzonen und wandelt die gestörte Energie um, so verbindet man die Wirkung der Früchte mit Erneuerungskraft und Vitalität (Lingg 2010), was auch die Verwendung zur allgemeinen Stärkung nach schwerer Krankheit oder Grippe erklärt (Fischer 1986). Auch in der Sympathiemedizin fand die Schlehe Verwendung, so heißt es im Fränkischen:“Etz ess i die eschtn drei Schlächablei´, dass i dz Feibö net kreig“ (Marzell 2002) was soviel heißt wie, „jetzt ess ich die ersten drei Schlehenblüten, dann bekomm ich das Fieber nicht“. Ähnliche Bräuche gibt es auch mit anderen Frühjahrsblüten (z.B. Gänseblümchen oder Schlüsselblumen). In Cornwall gibt es den Spruch: „many sloans, many groans“ (Marzell 2002), was darauf hindeutet, dass auf eine reiche Schlehenerne ein harter Winter voller Stöhnen folgt. Und wie alle dornigen Sträucher war auch die Schlehe zum Schutz vor den Hexen mit unterschiedlichsten Gebräuchen verwendet worden. So hat man in Bayern in der Haupttrudennacht, dem 13.Dezember, dem Tag der heiligen Odilia, mit Schlehenholz, Wacholder und Raute geräuchert, damit einem in der Nacht die Truden (druckgeister) nicht so schwer auf der Brust lagen (Storl, 2001, S.291). Bei den Inselkelten (Briten) ist „der Schwarzdorn“ nicht gerne gesehen, Schlehenholz wurde zum Symbol des Streits, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Zauberstäbe der dunklen Zauberer bei Harry Potter aus Schlehenholz sind: „dieser Zauberstab ist bestens für kriegerische Handlungen geeignet, leistet tadellose Dienste sowohl für Auroren als auch Zauberern und Hexen, die sich den dunklen Künsten verschrieben haben.“

Verwendung der Schlehe in der westlichen Kräutermedizin

Die Blüten enthalten Flavone, Cumarin und Amygdalin, ein Blausäureglycosid, das beim Trocknen abgebaut wird. In den Beeren ist Vitamin C, Fruchtsäuren, Gerbstoffe, Flavonoide, Pektin, Zucker und Harz enthalten. Die Kerne enthalten mehr Blausäure und sollten nicht genossen werden (Lingg 2010).

Die bekannteste Wirkung der Blüten, auch von Sebastian Kneipp hochgelobt, ist eine milde abführende Wirkung, die vor allem auch bei er Behandlung von Kindern genutzt werden kann zugleich wirken sie Magen stärkend und haben eine leicht harntreibende Wirkung (Pahlow).

Die Beeren sind appetitanregend, geeignet bei Magen- Nieren- oder Blasenleiden, Nasenbluten, Mund- und Zahnfleischentzündung, Halsentzündung, zur Blutreinigung, bei Durchfall und Erbrechen (Fischer 1986).

Weitere Wirkungen sind Appetitanregung, Stoffwechselanregung, Abwehrkraftsteigerung, generelle Anregung, Steinlösung und Krampflösung, hautheilend, antientzündlich (Lingg 2010).

Integration in das System der Chinesischen Medizin

Chinesisches Muster -> Literaturquelle/Idee

  • Befeuchtet das Yin und nährt das Blut -> Bedrik 2010
  • Befeuchtet den Darm -> Bedrik 2010
  • Stärkt das Milz-Qi -> nach Baur-Müller
  • Bewahrt die Essenz -> nach Baur-Müller
  • Stärkt das Wei-Qi -> nach Baur-Müller
  • Unterstützt die Regeneration der Nierenkraft -> nach Baur-Müller

Aktuell (Frühling 2021) verwende ich die Schlehenfrüchte in getrockneter Form gemeinsam mit Brennnesselsamen (Nieren-Yang Tonikum), Hagebutten (Tonisierung der weiblichen Essenz), unreifen Brombeerfrüchten (Tonisierung der männlichen Essenz), Vogelbeeren (Tonisierung von Leber, Niere, Milz und Wei-Qi) und Weißdornbeeren (Tonisierung des Milz-Qi und Herz-Yin). Meine Idee ist es, mit dieser Mischung gerüstet zu sein für „einen harten Winter“. Darunter verstehe ich eine schwierige Zeit zu überstehen trotz einem erschöpften energetischen System. Begleiten kann man mit dieser Mischung z.B. auch Patienten während einer Chemotherapie oder auch im Anschluss an kräftezehrende Erkrankungen/Therapien. Gerade auch in Wechselsituationen z.B. Klimakterium, wo die Nierenkraft besonders gefragt ist, um einen möglichst einfachen Übergang zu gewährleisten, eignet sich diese Kräutermischung, um den Organismus sanft zu tonisieren und dabei die wertvolle Essenz zu schonen.

In meiner Praxis arbeite ich auch mit Pflanzenbildern und „Botschaften“. Im vergangenen Jahr war die Beere  der Schlehe (Abb.1) ein sehr beliebtes Motiv bei den Patienten.

Schlehenfrüchte
Die Schlehenbeere – (Foto von B. Baur-Müller)

Die Seelenbotschaft der Schlehenbeere lautet:

„Die Schlehe ist die erste „Obstblüte“ im Jahr, fast noch im Winter, wenn die Zweige noch kahl sind kommen die Blüten, die sogar an Schnee erinnern, zum Vorschein; und fast schon im Winter, wenn die Zweige schon wieder am kahl werden sind und alle anderen Früchte geerntet, dann erst sind ihre Früchte ernte bereit, sie benötigen sogar einen Frost, um so richtig genießbar zu werden, ihre Bitterkeit umzuwandeln. Welch allumfassende Energie speichert die Pflanze so in ihren Früchten. Im Augenblick gibt es Zeiten, da wir diesen Vorrat an Energie, diesen Speicher an „alles ist möglich“ sehr nötig haben. Wenn die Vorräte erschöpft sind und man glaubt, nichts geht mehr, dann ist ein Wunder möglich.“

Literatur:

Bedrik K., Westliche Heilpflanzen in der TCM, ML Verlag Uelzen, 3.Auflage 2010

Fischer S., Blätter von Bäumen, Heinrich Hugendubel Verlag Irisana, 3.Auflage 1986

Marzell H., Geschichte und Volkskunde der deutschen Heilpflanzen, Reichl Verlag, St.Goar 2002

Pahlow M., Das grosse Buch der Heilpflanzen, Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 2006

Lingg A., Das Heilpflanzenjahr, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.Kg, Stuttgart 2010

Storl W.-D., Pflanzen der Kelten, AT Verlag Aarau, 2.Auflage 2001

Fuchs L., New Kreutterbuch, Nachdruck von 1543 durch VMA-Verlag, 2002

Birgit Baur-Müller, Jahrgang 1968, 2 Töchter 17 und 28 Jahre, Studium der Humanmedizin 1988 bis 1995 an der LMU München. Von 1996 bis 2003 ÄIP und Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit 1996 Studium der Akupunktur und Chinesischen Medizin, zunächst bei der DÄGfA, A-Diplom für Akupunktur, anschließend bei F. Ramakers, J. Ross, G. Maciocia, B. Kirschbaum, H. Frühauf, G. Neeb, u.a. Seit 1998 niedergelassen in privater Praxis mit Schwerpunkt, neben der Akupunktur, Westliche Kräuter in der Chinesischen Medizin.

Autor

Birgit Baur-Müller, Jahrgang 1968, 2 Töchter 17 und 28 Jahre, Studium der Humanmedizin 1988 bis 1995 an der LMU München. Von 1996 bis 2003 ÄIP und Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit 1996 Studium der Akupunktur und Chinesischen Medizin, zunächst bei der DÄGfA, A-Diplom für Akupunktur, anschließend bei F. Ramakers, J. Ross, G. Maciocia, B. Kirschbaum, H. Frühauf, G. Neeb, u.a. Seit 1998 niedergelassen in privater Praxis mit Schwerpunkt, neben der Akupunktur, Westliche Kräuter in der Chinesischen Medizin.

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