Homöopathische Kummermittel in der Praxis

Homöopathische Kummermittel in der Praxis

- in Allgemein, Homöopathie
1004
Kommentare deaktiviert für Homöopathische Kummermittel in der Praxis

Lesen Sie hier einen Beitrag von Dorit Zimmermann über homöopathische Kummermittel und deren Anwendung in der Homöopathie

Viele Patienten kommen vordergründig wegen körperlicher Beschwerden in die homöopathische Praxis. Häufig handelt es sich dabei um chronische oder wiederkehrende Leiden. Im Anamnesegespräch stellt sich jedoch bald heraus, dass ein tiefer Kummer hinter dem physischen Problem steckt, und dass dieser die eigentliche Pathologie darstellt: das zu Heilende.

Als ganzheitliche Methode hat die Klassische Homöopathie stets den ganzen Menschen im Blick: körperliche und seelische Symptome werden gleichermaßen zur Mittelfindung herangezogen. Sind die körperlichen Beschwerden Ausdruck des zu Grunde liegenden psychischen Problems, suchen wir nach einem homöopathischen Mittel, das sowohl Bezug zu dem Organ hat, mit dem der Körper des Patienten reagiert, das der überlasteten Psyche als Ventil dient, als auch zu der seelischen Problematik: dem Kummer.

Der indische Arzt und Homöopath Dr. Rajan Sankaran warnt vor dem unkritischen Gebrauch von Gemütsrubriken wie „Beschwerden durch Kummer“, da diese, wie er sagt, „viel Spielraum für Interpretationen lassen“[1]. Wichtig ist es daher, nach individuellen, eigentümlichen Symptomen zu suchen, die charakteristisch für den betreffenden Patienten, dessen körperliche Beschwerden und vor allem für dessen persönliches Reaktionsmuster sind, sprich für die Art und Weise, wie er sein Leid empfindet, wie er damit umgeht und mit welchen Worten er es beschreibt. An dieser Stelle kann es sehr nützlich sein, neben der Klassischen Homöopathie, wie sie uns Samuel Hahnemann gelehrt hat, auf das Konzept der Sensation-Methode Sankarans zurückzugreifen, um der Individualität jedes einzelnen Patienten gerecht zu werden.

Wer sich bei der Repertorisation von „Kummerpatienten“ zu sehr auf allgemeine Rubriken verlässt, der wird bei den bewährten Verschreibungen wie Natrium muriaticum, Ignatia, Staphysagria, Pulsatilla oder Carcinosinum landen und sich wundern, dass der gewünschte Heilerfolg ausbleibt. Das richtige homöopathische Kummermittel zu finden, ist nicht immer einfach.

Kummer – was ist das überhaupt?

Aus Sicht der Psychologie versteht man unter Kummer Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Weitere wichtige Empfindungen sind seelischer Schmerz, Trauer, Traurigkeit, Enttäuschung, enttäuschte Liebe, ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation sowie die Empfindung, nicht wahrgenommen oder abgelehnt zu werden – wertlos zu sein.

Die Sensation-Methode basiert auf der Klassischen Homöopathie Hahnemanns, hat diese aber um ein äußerst wertvolles Handwerkszeug erweitert: die Differenzierung nach Naturreichen und Unterreichen sowie um einen komplexeren Umgang mit den Miasmen. Nach einer offenen Anamnese, bei der das Augenmerk neben den Fakten auf der Art und Weise liegt, wie sich der Patient ausdrückt, welche Worte und Handgesten er wählt und wie er sich dabei gibt, sprich wie lebendig oder zurückhaltend er agiert, folgt die Fallanalyse. Dabei wird zunächst entschieden, aus welchem Naturreich das Arzneimittel stammen muss, das dem Patienten helfen soll. Wir unterscheiden zwischen Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Hinzu kommen noch Nosoden, Sarkoden und Imponderabilien. Dieser Vorgehensweise liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Empfindung und Ausdrucksweise der einzelnen Reiche gravierend voneinander unterscheiden. Ein „Pflanzenpatient“ ist extrem empfindlich auf Einflüsse, die von außen auf ihn einwirken, ein „Tierpatient“ dagegen ist geprägt von den Überlebensstrategien der Tierwelt. Hier geht es um das nackte Überleben: fressen oder gefressen werden, ich oder du. Einer ist der Täter, der andere das Opfer. Die Schuld wird in der Regel beim anderen gesucht. Mineralische Patienten wiederum empfinden einen Mangel an Fähigkeiten bei sich selbst, der sie daran hindert, ihren Alltag zu meistern. Sie haben ein Strukturproblem.

Sobald das Reich feststeht, geht es um die Wahl des Unterreiches: Bei den „Pflanzenpatienten“ wird je nach Art der spezifischen Empfindung nach der passenden Pflanzenfamilie gesucht, für die es klare Kriterien gibt. Maßgeblich hierfür sind die Prüfungssymptome. Bei den „Tieren“ erfolgt die Differenzierung nach den in der Anamnese geäußerten Überlebensstrategien und Reaktionsmustern. Diese lassen sich einer bestimmten Tierfamilie zuordnen, z.B. den Säugetieren, Mollusken, Vögeln oder Reptilien. Zur näheren Eingrenzung des passenden mineralischen Mittels, wobei häufig Mittelkombinationen (Salze) erforderlich sind, bedienen wir uns des Periodensystems bzw. dessen Interpretation nach Jan Scholten. Abschließend entscheidet die Individualität und Besonderheit der Symptomatik, welches Mittel verordnet wird.

Nach dieser kurzen, äußerst fragmentarischen Einführung in die Sensation-Methode dürfte klar geworden sein, auf welchem Wege homöopathische Kummermittel voneinander differenziert werden: Reich – Unterreich – Arzneimittel.

Der Grund für diese spezielle Vorgehensweise liegt in der Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Affinität zu einem bestimmten Naturreich hat. So ist es vorstellbar, dass drei verschiedene Patienten mit einer ganz ähnlichen Krankengeschichte in die Praxis kommen, wobei es jeweils um das Gefühl von Isolation, Einsamkeit, Missachtung und mangelnder Liebe geht. Alle drei leiden unter Schlafstörungen, depressiver Verstimmung und haben Verlangen nach Schokolade und salzigen Speisen. Dennoch empfindet und beschreibt der erste Patient seine Beschwerden „tierisch“, der zweite „pflanzlich“ und der dritte „mineralisch“. Wichtig ist, dass die Zuordnung nach einem Reich auf der tiefsten Ebene der Empfindung erfolgt, da gerade Erwachsene Anteile aus allen Reichen haben können, aber eben nur bis zu einer bestimmten Ebene. Sind wir mit der Anamnese an der Wurzel der Pathologie angekommen, kristallisiert sich ein bestimmtes Reich heraus.

Gelingt es nicht, den Patienten während der Anamnese in die Vitalempfindung zu bekommen, was häufig geschieht, müssen wir offen sein für das, was der Patient uns liefert, wohin er uns führt. Ein auffallendes, einzigartiges Symptom, das wir so nicht erwartet hätten oder das wir bislang noch von keinem anderen Patienten gehört haben, kann uns ebenfalls auf die richtige Fährte bringen.

>>Hier gelangen Sie zum Buch Kummermittel in der Homöopathie, ein Praxisbuch über homöopathische Kummermittel.

 

Literaturhinweis

Sankaran, Rajan: Das andere Lied. Homoeopathic Medical Publishers. Mumbai, 2009

Sankaran, Rajan: Intensivkurs Homöopathie. Narayana-Verlag. Kandern, 2015

Zimmermann, Dorit: Kummermittel in der Homöopathie. Haug Verlag. Stuttgart, 2015

[1] Rajan Sankaran: Intensivkurs Homöopathie, S. 213

 

 

Dorit Zimmermann

Dorit Zimmermann, Heilpraktikerin mit eigener Praxis für Klassische Homöopathie und Psychotherapie sowie psychologisch-homöopathische Schmerztherapie. Sie arbeitet überwiegend nach der Empfindungsmethode Rajan Sankarans und der Evolutionsmethode Mahesh Gandhis, ist Medizinjournalistin und Redakteurin der Homöopathie Zeitschrift.