Naturmed Nlog - Therapeuten Fachbuchblog

Immer wieder fragen Patienten und Patientinnen in meiner Praxis, wie die traditionelle Chinesische Medizin und ich als TCM-Therapeut zu Piercings stehen, welche Risiken sie bergen und ob sie nicht vielleicht auch therapeutische Bedeutung in der Behandlung verschiedenen Beschwerden haben könnten.

Dazu gleich vorab: Dieser Artikel enthält kein wissenschaftliches Studienmaterial, sondern spiegelt teilweise widersprüchliche Meinungen und Erfahrungen wider. Recherchiert man zum Thema, trifft man auf viele anekdotischen Berichte, einige offensichtlich wirtschaftlich unbegründete Heilversprechen und ganz wenig wirklich Wissenschaftliches. Was mir als TCM-Therapeut und Autor zudem bleibt, sind die aus meinem fachlichen Wissen abgeleiteten Annahmen über die mögliche Wirkung eines Piercings im Kontext der Akupunktur.

Unbestritten sind die Risiken möglicher infektiologischer Komplikationen, die ein Piercing mit sich bringt. Diese sollen hier aber nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Piercing gefährlich?

Beginnen wir mit der „Ur-Anekdote“: Der in vielen Kulturen getragene durchstochene Ohrring sitzt genau in der Mitte des Ohrläppchens. Dieser Punkt ist in der Ohrakupunktur dem Sehen zugeordnet und so ist es nicht weit zur Geschichte, dass (chinesische) Seefahrer hier goldenen Kreolen trugen, wenn sie in den Ausguck stiegen. Dabei sollten diese goldenen, also tonisierenden „Dauernadeln“ die Sehkraft erhöhen. Leider finden sich für diese Geschichte keine historischen Belege. Es ist zu bedenken, dass die Ohrakupunktur als neuzeitliche Entwicklung eines Reflexzonensystems durch den Franzosen Paul Nogier in der Mitte 20 Jahrhundert geschah und eigentlich kein Teil der traditionellen Chinesischen Medizin ist, wenn man traditionell als historisch versteht. Der Ohrpunkt für das Auge findet in der klassischen Akupunktur keine Entsprechung.
Historisch überliefert sind indes andere Erklärungen, wie zum Beispiel die, dass der goldene Ohrring einem an den Strand gespülten, ertrunkenen Seemann ein christliches Begräbnis finanzieren und damit sicherstellen sollte.

Theoretische Überlegungen

Betrachten wir das Piercing aus dem Blickwinkel der chinesischen Akupunktur:  Wenn unsere Akupunkturnadeln auf der energetisch-funktionellen Ebene unseres Körpers Wirkungen hervorrufen, sollten es Piercings ebenso und besonders dann, wenn sie auf Meridiane oder gar in Akupunkturpunkte gestochen werden. Eine Dauernadel aus Edelstahl oder Silber – dem Material der meisten Piercings -hätte dann „sedierende“ oder besser gesagt „dispergierende“ – also zerstreuende – Wirkung auf unser Qi. Das Setzen einer Akupunkturnadel ist dabei nur als „katalytischer“ Akt zu sehen. Das heißt, die Akupunkturnadel selbst macht nichts, sondern sie intendiert wie ein Druck auf einen Schalter – in diesem Fall ist das der Akupunkturpunkt – eine Körperfunktion als Ausdruck unseres Qi. Die Körperfunktion macht dann die Wirkung.
Auch wenn das Setzen einer Dauernadel über vielleicht Tage eine Form der Nadeltechnik darstellt, finden wir in der traditionellen Chinesischen Akupunktur keine Dauernadel über Wochen, Monate und Jahre. Diese würde, wie ein steter Druck auf einen Schalter, im besten Falle eine reaktive Ermüdung, im schlimmsten Falle eine Überstimulation des Systems bewirken.

Ren und Du Mai und ihre Punkte stellen sehr bedeutsame und tiefgreifend wirksame Bereiche unseres Akupunktursystems dar. Gerade hier werden bevorzugt Piercings gesetzt.  Du Mai 26 (Nase), Du Mai 28 (Frenulum), Ren Mai 9 oder 7 (Nabel) sowie Zungen- und Intimpiercings gehören dazu. Die Nadelung der Brustwarze (Magen 17) ist in den Klassikern der Chinesischen Medizin sogar ausdrücklich verboten.

Eine Fallgeschichte

Eine junge Frau suchte mich wegen Kopfschmerzen in Zusammenhang mit ihrer Menstruation auf. Außerdem versuchte sie seit 2 Jahren schwanger zu werden. Sie besaß seit einigen Jahren an mehreren dieser Stellen Piercings und ich bat Sie, diese während unseres Behandlungszeitraumes nicht oder zumindest nur selten zu tragen. Dann öffnete ich, nachdem sie diesem Wunsch zwar widerstrebend aber doch nachgekommen war, in der zweiten Sitzung Ren und Du Mai. Im nächsten Zyklus wurde sie schwanger!
Natürlich besitzt auch diese therapeutische Erfahrung nur anekdotischen Wert und ihre Kausalität kann höchstens vermutet werden, dennoch waren meine Patientin und ich beeindruckt.

Sind Piercing also nun eine energetische Katastrophe?

Unser Körper ist maximal resilient – um ein neues Modewort zu benützen. Kommt es organisch zu Verletzungen und Einschränkungen, bildet unser Körper schnell kollaterale Wege, um die Versorgung und Funktion sicher zu stellen. Analog zu Blutgefäßen oder Nervenbahnen scheint es sich beim Kommunikations- und Versorgungsnetz der TCM, den Meridianen oder Leitbahnen ähnlich zu verhalten. Dennoch heißt es wachsam sein, ob – wie bei anderen Narben und Verwachsungen auch – Symptome bestehen, die mit dem Piercing zusammenhängen könnten:
Bestehen Probleme seitdem das Piercing gestochen wurde oder wenn Schmuck dort getragen wird? Passen die Symptome zu einer Überstimulation oder Blockierung des Meridians oder der Akupunkturpunkte?
Falls ja, sollte man das Piercing entfernen und falls sich dann die Beschwerden bessern, an dieser Stelle besser keinen Schmuck mehr dauerhaft tragen.

Könnte es nicht umgekehrt sein, dass Piercings in bestimmten Fällen medizinisch günstig wirken?

Es werden im Internet Ohrpiercings zur Migräneprophylaxe beworben. Um die Wirksamkeit zu untermauern, wird hier oft die TCM als Referenz genannt. Sucht man entsprechende Studien wird man zunächst an der Universität von Rom fündig (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5711775/). Hier wird allerdings wieder nur ein Einzelfall beschrieben. Ein 54-jähriger Mann, der seit seinem dritten Lebensjahr an heftiger Migräne litt, erfuhr nach dem Setzen eines Piercings im Ohr eine signifikante Besserung seiner Beschwerden. Die italienischen ForscherInnen beklagen, dass es bislang (2017) keinerlei wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema gibt und diskutieren dann sowohl eine mögliche Vagus-Stimulation und als auch einen Placeboeffekt.

Fazit: Nix Genaues weiß man nicht!

Wie so oft, wo wissenschaftliche Belege fehlen, ist viel Raum für Spekulation. Spekulation ist dabei nichts Schlechtes, sondern führt zur Theorienbildung und bestenfalls zur Verifizierung oder Falsifizierung einer Hypothese. Hier tut sich also ein Raum für wissenschaftliche Forschung auf. Wo sind die wissenschaftlich ausgebildeten Bachelor- und MasterkollegInnen unseres Faches, die sich der Sache annehmen?

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