Beitrag über Paozhi, die Herstellung chinesischer Rezepturen

Beitrag über Paozhi, die Herstellung chinesischer Rezepturen

- in TCM / Akupunktur
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Ein Interview von Herrn Müller – Gißler mit Dr. Rainer Nögel,  Präsident der SMS, zum Thema Paozhi

1. Frage: Was genau ist Paozhi?

Dr. Nögel: Der Begriff Paozhi 炮制 umfasst die Vorbehandlung und Aufbereitung chinesischer Arzneimittel. Paozhi ist in China integraler Bestandteil der traditionellen chinesischen Arzneimitteltherapie. Zum einen lassen sich dadurch Haltbarkeit, Nebenwirkungen und Verträglichkeit entscheidend beeinflussen, zum anderen kann erst durch spezifische Aufbereitungsarten das ganze Wirkspektrum einer Arzneidroge ausgeschöpft werden.

So leitet zum Beispiel die unpräparierte, bittere und trocknende Phellodendri cortex (Huangbo) wie im «Desinfizierenden Dekokt mit Coptis» (Huanglian jiedu tang) «Feuchtigkeit-Hitze» (calor humidus, shire) aus und löst Toxisches heraus. Wird jedoch die mit Salz präparierte Phellodendri cortex (Yan huangbo) verwendet, kommt ihre Yin befeuchtende, «Glut» (ardor, huo) absenkende und das  «ministerielle Feuer» (ignis ministri, xianghuo) ausleitende Wirkmöglichkeit zum Tragen wie in der «Pille, die das Yin mächtig ergänzt» (Da buyin wan) oder der «Pille mit Anemarrhena, Phellodendron und Rehmannia» (Zhibai dihuang wan).

2. Frage: Was hat Sie und Ihre Kollegen dazu bewogen, ein Buch über Paozhi zu schreiben?

Dr. Nögel: Nach Sichtung der uns zugänglichen westlichen Literatur zu diesem Thema fanden wir die Angaben zur Aufbereitung wechselweise unvollständig, zu stichpunktartig oder fehlerhaft. Parallel bestand bei Ärzten und Therapeuten, Apothekern und Großhändlern ein allenfalls bruchstückhaftes Wissen zu den Möglichkeiten und zur Bedeutung dieser Verfahren.

Wir begannen nach jahrelangen Vorarbeiten 2010 mit einem interdisziplinären Projekt, das von der SMS – Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin e. V. –  wesentlich unterstützt wurde, um das Wissen um Paozhi mit Hilfe chinesischer Originalquellen und erfahrener chinesischer Experten und Altärzte systematisch zu erschließen. Übrigens droht dieses wichtige Erfahrungswissen in China selbst in Vergessenheit zu geraten, was uns nochmals mehr Ansporn war.

3. Frage: Warum ist es für TCM-Therapeuten wichtig, etwas über die Aufbereitung und Herstellung der Arzneimittel zu wissen?

Dr. Nögel: Dieses Buch möchte schwerpunktmäßig dem Arzt und Therapeuten die klinische Bedeutung von Paozhi nahebringen. Denn um seine Therapie zu optimieren, sollte er alle wichtigen Aufbereitungsformen der gängigen Arzneimittel kennen. Diese können durch die Aufbereitungsformen in ihrer Wirkung nicht selten deutlich verändert werden und als Einzelmittel oder in einer Rezeptur viel spezifischer und damit wirksamer eingesetzt werden.

Genauso wichtig erscheint uns aber auch, dass auch Apotheker (und Großhändler) die nötigen Informationen erhalten, um die nachgefragten Aufbereitungsformen entweder selbst sicher und exakt herzustellen oder eine detaillierte Bestellung beim Großhändler vornehmen zu können. So hoffen wir, dass sich Abläufe einspielen, die zur einfacheren Bereitstellung, breiten Verfügbarkeit und häufigen Verschreibung aufbereiteter Arzneimittel führen und damit dem Wohl der Patienten dienen.

4. Frage: Können Sie uns ein Beispiel nennen, bei dem sich die Wirkung eines Arzneimittels durch unterschiedliche Aufbereitungsverfahren wesentlich verändert wird?

Dr. Nögel: Zentraler Bestandteil des Buches sind 61 Monographien häufig verordneter chinesischer Arzneimittel mit klinisch sehr bedeutsamen Aufbereitungsformen. Innerhalb dieser eingehenden Darstellung jeweils eines Arzneimittels wird die Beschreibung der klinischen Wirkung und der Indikationen der jeweiligen Aufbereitungsform anhand von Arzneimittelkombinationen und Rezepturen detailliert illustriert.

Neben der oben erwähnten Phellodendri cortex (Huangbo) wäre ein Beispiel für die Bedeutung der speziellen Aufbereitung Chuanxiong rhizoma (Chuanxiong). Unpäpariert wirkt es vor allem das Qi bewegend, «Wind» (ventus, feng) beseitigend und «Feuchtigkeit» (humor, shi) trocknend. Dies sieht man an Rezepturen wie dem «Notopterygium-Dekokt, das Feuchtigkeit (humor) bezwingt» (Qianghuo shengshi tang) oder dem «Pulver mit Ligusticum, das mit grünem Tee einzunehmen ist» (Chuanxiong chatiao san). Seine das Xue bewegende Fähigkeit, für die Chuanxiong rhizoma (Chuanxiong) bekannt ist und in Rezepturen wie dem «Dekokt der vier Bestandteile mit Persica und Carthamus»  (Taohong siwu tang) genutzt wird, erhält das Mittel erst als mit Wein geröstete Chuanxiong rhizoma (Jiuzhi chuanxiong).

Das Interview führten wir mit Dr. med. Rainer Nögel, Autor des Buches Paozhi: Die Aufbereitung chinesischer Arzneimittel und Facharzt für Innere Medizin, Präsident der SMS (Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin e.V.), Mitherausgeber der Zeitschrift „Chinesische Medizin“, Dozent für chinesische Medizin an der TU-München.

 Changjiang Hu | R. Nögel | J. Hummelsberger | U. Engelhardt

Paozhi: Die Aufbereitung chinesischer Arzneimittel

Methoden und klinische Anwendung, ISBN: 9783662558454, 2018, 350 Seiten

>>hier gelangen Sie zum Buch

naturmed

Spezialist für Fachbücher aus Akupunktur, Traditioneller Chinesischer Medizin, Qigong, Naturheilverfahren, Homöopathie und Physiotherapie. Jährlich auf vielen, wichtigen Kongressen wie der TCM-Kongress in Rothenburg, dem ASA-Kongress und dem Tao-Kongress in Österreich vertreten.